SPIELART 2015

A Place Called Home

Ein winziger Rest Erde liegt auf meinem Kopfkissen, am Morgen nach der Eröffnungsfeier; ein bisschen was bleibt immer hängen. GARDENS SPEAK öffnet in den Katakomben des Einstein Kultur Gräber, die viele tausend Kilometer entfernt liegen, aber erst vor wenigen Jahren ausgehoben wurden. Mit bloßen Händen gräbt der Besucher sein Beet um. Und ja, es wächst etwas in diesen fremden Gärten. Tania El Khoury hat einen Raum der Andacht erschaffen, an dessen Ende die Welt ein bisschen größer geworden ist.

So wenig Licht, so viel Raum. Tania El Khoury lässt uns auf sensible Weise mit einem Verstorbenen die Rollen tauschen.

GARDENS SPEAK lässt uns auf sensible Weise mit einem Verstorbenen die Rollen tauschen.

Die Stärke der interaktiven Installation der in London und Beirat arbeitenden libanesischen Künstlerin liegt dabei in ihrer Schnörkellosigkeit und Sensibilität. Das Ausgraben, das erneute Zur-Ruhe-Betten, das Niederlegen einer Blume und einer persönlichen Notiz an die Hinterbliebenen, das Abwaschen der Erde von den Füßen in sauberen Wasserbehältern vor dem Verlassen: die Bereiche der Lebenden und der Toten werden für kurze Zeit aufgehoben, um sie schließlich respektvoll wieder voneinander zu scheiden.

Ich habe die Geschichte eines Verstorbenen gehört, eines jungen syrischen Filmemachers, frisch verliebt, er wollte bald heiraten. Nur er und ich. Die Begegnung also gewissermaßen von Angesicht zu Angesicht, oder besser: Kopf an Kopf, als ich mich auf die Erde lege um zu lauschen. Allerdings ist nur einer der beiden Teilnehmer tatsächlich hier, der andere ist es nicht. Diese simple Erkenntnis gräbt man mit bloßen Händen aus, die schwarzen Fingernägel werden einen auf dem Heimweg begleiten. GARDENS SPEAK schafft es tatsächlich, den wirklichen Raum um diesen Bereich des Abwesenden zu erweitern, unkitschig und konzentriert. Zugleich öffnet der Weg in die Erde auch eine unterirdische Verbindung zu dem scheinbar so weit entfernt liegenden Kulturkreis des Verstorbenen, in eine Zeit, die jetzt ist: Der ganz und gar nicht gespenstische, sondern schrecklich reale Krieg in Syrien und seine Verluste.

Tania El Khoury knüpft damit implizit an ihre Installation STORIES OF REFUGE beim letzten Spielart-Festival an: Dort richtete sie, mit derselben kraftvollen Unmissverständlichkeit, den Blick auf die Menschen-Lager-Situation in einem Münchner Flüchtlingscamp. Mit GARDENS SPEAK kehrt sie an den Ort zurück, wo das alles begann – und in manchen Fällen endete, bevor es begann. Die interaktive Installation fügt sich in ein künstlerisches Werk, in dem El Khoury immer wieder zwischen unmittelbarer politischer Protest-Aktion und der Tätigkeit einer Archivarin von Erfahrungen pendelt, mit den hauptsächlichen Themen der Immigration, der Machtbeziehungen zwischen Kulturen und den Geschlechtern, des Gefühls der Heimat und der Treue zu ihr.

Zum Beispiel tauschte sie im Rahmen von CULTURAL EXCHANGE RATE mit den Besuchern in London libanesische in englische Pfund; ein souvenir swap als Trick, von ihrem Vater anempfohlen, um in der neuen Heimat an Geld zu kommen. Die dadurch eingenommenen britischen Pfund schickte sie ihrem Vater, als Gage für den Künstler hinter dem Projekt. 2006 sammelte sie während des damaligen Libanonkriegs obsessiv Fotos zerstörter Häuser und der persönlichen Relikte in den Trümmern. Sie zeigte diese Fotos in London und Edinburgh im Rahmen einer performativen Installation, die sie NO PLACE CALLED HOME nannte und die sie ebenfalls unter die Erdoberfläche verlegte.

GARDENS SPEAK lässt sich hier anschließen, zugleich wird eine Entwicklung erkennbar. Es gibt offenbar diesen „place called home“, auch wenn seine raumzeitliche Bestimmtheit gar eventuell gar nicht entscheidend ist – denn die Erde, in der wir graben, befindet sich immerhin in München. Nichtsdestotrotz wird der Besucher aufgefordert, Respekt vor der Würde dieses Orts zu zollen. Vor diesen Gräbern, die auf andere Gräber verweisen, an deren Ende nicht weitere Verweisungen stehen, sondern wirkliche Menschen an wirklichen Plätzen, die jetzt nicht mehr da sind.

Dennoch verlässt man diesen Raum nicht mit einem Gefühl der Beklemmung, sondern der Weite, ja sogar der Hoffnung. Frei nach Walter Benjamin: Auferstehungen gibt es nur dort, wo es einen Grabstein gibt.

 

 

 

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