Man ist ja bei seiner eigenen Beerdigung für gewöhnlich nicht anwesend. Es sei denn, das Ganze ist nur Theater. In IBSEN: GESPENSTER liest auf einer Video-Projektion zwar eine alte Frau namens Margot die Szene, in der Oswald seine Mutter um Beihilfe zu seinem Freitod bietet, auf der Bühne aber tritt Oswald nicht mehr auf. Aus einem einfachen Grund, den man erstmal verdauen muss: Margot ist unterdessen tot; sie hat sich in der Schweiz durch eine Sterbehilfe-Organisation aus dem Leben bringen lassen. Markus & Markus lesen an besagter Stelle im Video Oswalds Mutter. Sie waren mit der Kamera dabei, auf ein paar letzte Sangrias.

Während bei GARDENS SPEAK die Beete umgegraben werden, gießt man hier die Blumen. Auch IBSEN: GESPENSTER behandelt das Thema des Tods, allerdings auf ganz andere Weise.

Während derzeit bei GARDENS SPEAK die Beete umgegraben werden, gießt man hier die Blumen. Auch in IBSEN: GESPENSTER geht es um den Tod. Und dabei fliegen ganz schön die Fetzen.

Nicht Ibsens Oswald ist folglich der Protagonist, Margot ist es, aber seit wann können Protagonisten sterben? Also der Reihe nach: Dass Ibsen sich für seine Dramen bei realen Situationen und Figuren als Vorlagen bediente, fasst das Hildesheimer Theaterkollektiv um die beiden gleichnamigen Performer programmatisch auf, allerdings unter umgekehrten Vorzeichen. Sie machen aus der Kunstfigur Oswald wieder einen Menschen aus Fleisch und Blut; der Selbstmörder Oswald tritt im doppelten Wortsinn von der Bühne ab.

Und so wird aus Oswald Margot. Um ihr Leben und selbstbestimmtes Sterben dreht sich ein Theaterdoku-Abend, der sehr deutlich mit dem Anspruch auftritt, hier müsse ein Tabu gebrochen werden. Aber wie legitim ist das, wenn die Person, auf deren Würde sich das Tabu bezieht, sich nicht mehr wehren kann? Diese Frage schwebt über dem Stück. Markus und Markus machen deutlich, dass sie die Gratwanderung zwischen einer respektvollen Totenfeier und deren sozialpornographischem Ausschlachten nicht auf Zehenspitzen zu bewältigen gedenken, sondern offensiv, polternd und feiernd. Auf der Bühne steht eine lange Tafel, darauf Gläser, was zu trinken, und die beiden langen zu, lassen es krachen.

Klamaukig und überdreht stellen sie die prekäre Beziehung der Bühne zum Sterben aus, indem sie sich eingangs in allen möglichen Varianten erdolchen, erhängen, vergiften, in den Tod springen. Dazu gibt’s Reden wie die vom „happy dagger“ aus Romeo und Julia – Heinrich Heine hat solche letzten Monologe im Buch Le Grand einmal als „Lebensabiturientenreden“ bezeichnet. „Stabs herself with ROMEO’s dagger and dies“ schrieb Shakespeare. Markus steckt sich das Plastikschwert in die Spalte zwischen Brustkorb und Oberarm und bricht röchelnd zusammen. Ja, das ist albern, aber nur, weil es eben Theater ist.

Als gelte es gegen materielle Widerstände anzurufen, deklamieren die beiden Hanswurste ihre Geschichte, während sie über die Leinwand Video-Aufzeichnungen einspielen. Diese zeigen, wie sie und ihr Team nach den erwartbaren anfänglichen Bedenken und Widerständen über die Schweizer Organisation „Eternal Spirit“ ihren Oswald finden, Margot, von nun an ist es ihre Geschichte. Sie leidet unter starken Schmerzen, verschiedensten Gebrechlichkeiten, wird unselbstständig; eine furchtbare Vorstellung für sie, die sich zeitlebens nie etwas anmerken ließ. Alte preußische Erziehung, da wird keine Miene verzogen und alles selbst gemacht. So tief sitzt das, dass Margot explizit und mehrmals darauf hinweisen muss, dass es ihr schlechter geht als es den Anschein hat.

Würde man nämlich dem vertrauen, müssten einen schlimme Zweifel befallen, warum diese bescheidene alte Dame mit dem trockenen, melancholischen Humor denn bitteschön sterben will, schaut, sie lächelt doch! Markus und Markus führen deshalb auf der Bühne das auf, was Margot nicht zeigen kann, nur mit gutmütigem Blick erzählen: Wie sie sich bei zwei missglückten Selbstmordversuchen mit Tabletten und Alkohol übergeben hat, sich dabei auch noch verletzte und eine Lungenentzündung zuzog, wie sie ständig ihre Tabletten vergisst und sich selbst für ihre „Unverschämtheiten“ verhöhnt.

Das Team der Theater-Gruppe begleitet sie während ihrer letzten Wochen, die Kamera ist mit dabei. Und während auch der Zuschauer ihr näher kommt, protokollieren sie die moralischen Untiefen, in die sie mit ihrem Projekt notwendigerweise verstrickt sind: Ein von Margot im Scherz und beiläufig fallen gelassener Satz, wenn das jetzt immer so wäre mit den Besuchen und Feiern, würde sie sich das mit der Schweiz nochmal überlegen – das Stück hätte sich selbst dekonstruiert. Aber sie ist weiterhin entschlossen, greift das Thema nicht wieder auf. Wirklich nur ein Scherz? Es geht weiter.

Dass die vermeintlich sozialpornographische Korrumpierung einer Trauerfeier keine Ausfallerscheinung darstellt, sondern schon im Begriff ihrer Inszenierung liegt, und dass dies für jede Form einer öffentlichen Trauerfeier gilt, das machen die beiden Poltergeister auf der Bühne deutlich, zum Schluss sogar ein wenig überdeutlich. Wir hätten den Umgang mit dem Tod verlernt, sperrten ihn weg, lassen ihn professionell bewältigen et cetera, klagen Sie das Publikum an und beziehen sich auch noch brav selbst mit ein, sie seien ja selbst Teil des „Systems“ – und tatsächlich: sie zeigen, wie Margot sich verabschiedet, jetzt nur die hier die Schraube drehen, sind Sie sich wirklich sicher? Jemand aus dem Team hält ihre Hand; sie ist sich sicher.

Ein bisschen wird man das Gefühl nicht los, der didaktische Vorschlaghammer kurz vor Ende des Stücks solle legitimieren, was man dann sieht: Margots Sterben, es geht schnell. Wollen sich Markus und Markus damit nicht dem Vorwurf aussetzen, man habe das nur aus voyeuristischen Gründen gezeigt? Es stellt sich dann freilich die umgekehrte Frage, ob man ihren Tod gerade dadurch instrumentalisiert. Hier schau, du feiger Zuschauer, da stirbt sie, schau genau hin. Müssen wir Margots Tod sehen, damit sich der Zuschauer seiner Verdrängungen bewusst werden, damit eine These bewiesen werden kann? Hätte es nicht auch gereicht, dass es einfach um Margot geht?

All das ließe sich auch ganz anders deuten, aber das sind eben so die Gedanken, die einem durch den Kopf schießen, und in diesem Sinn hat IBSEN: GESPENSTER durchaus Erfolg. Die emotionale Reaktion, der die intellektuelle folgt, ist denkbar heftig und geschickt vorbereitet. Die beiden Kasper auf der Bühne und ihr seltsames Treiben, wenn zum Beispiel Markus einen Hund spielt, der kläfft und vom anderen Markus gefüttert wird, jedes kleinste Requisit erkennen wir nach und nach auf den Videos mit Margot wieder, die sich immer weiter deckende Tafel entpuppt sich als die der letzten Osterfeier mit ihren Freundinnen und dem Filmteam. Das alles hier ist ihr Leben, nur ohne sie, alles ist nach ihren Wünschen gestaltet.

Markus und Markus scheuen dabei, vor allem zum Schluss, keineswegs das Opulente, das Pathos, dem der illusionsbrechende Klamauk weiterhin die bunt kostümierte Waage hält. Das mag kitschig oder sogar zynisch erscheinen, aber immerhin hatten Trauerrituale schon immer genau diesen Zweck, nämlich der persönlichen Trauer eine institutionalisierte und insofern unpersönliche Plattform zu bieten. Und dann, wenn die Rührung verfängt, kanalisiert Margot eben doch auch die eigenen Erfahrungen mit dem Tod, die fast jeder der Zuschauer schon einmal gemacht haben dürfte, ist in diesem Sinne nur Medium. Würde sie das überhaupt stören? Immerhin vertritt sie in den Aufnahmen die epikureische Überzeugung, der Tod und was danach sei mache ihre keine Angst, sie sei ja dann nicht mehr da, um es zu erleben.

All das ist schwierig, und will es sein. Durch IBSEN: GESPENSTER geht man nicht trockenen Auges und ohne ein gewisses Maß an Verstörung, und so muss das auch sein. Bleibt die Frage, bei wem man sich jetzt bedanken soll für diesen Abend. Bei Markus und Markus oder bei Margot?