SPIELART 2015

Die Welt ist eine Scheibe

Kalle Laar ist Klangforscher und Klangkünstler, vor allem interessiert er sich für alles, was auf Vinyl zu haben ist. Er betreibt das 1996 zusammen mit Barbara Holzherr gegründete „Temporary Soundmuseum“ – und „betreiben“ heißt auch: auflegen, Platten spielen, die Maschine des klanglichen Augenblicks mit Schätzen und Raritäten aus seiner gewaltigen Sammlung füttern. Wer am Freitag auf der Eröffnungsparty im Ampere war, hat Kalle Laar bereits an den Plattentellern erlebt. Aber er spricht nicht nur mit Musik, sondern auch über sie. Heute Abend hält er eine Lecture über „Die heilenden Rhythmen der Völker“. Wir haben uns in einem Gespräch mit ihm schon mal einen kleinen Vorgeschmack geben lassen, von Easy Jazz mit Vogelstimmen und warum das Hofbräuhaus in Berlin ist.

Kalle_Laar

Herr Laar, Sie haben Ihre erste Lecture „Die heilenden Rhythmen der Völker“ genannt. Inwiefern können denn Rhythmen „heilend“ sein?

Der Begriff taucht auf Platten der Firma Bayer auf, des Pharmakonzerns. Die „heilenden Rhythmen der Völker“ waren Feldaufnahmen, durchaus ernsthaft gemacht, zwischen 1951 und 1962 produziert. Diese Platten gehören zum Sub-Sub-Sub-Genre der Dokumentationsplatten. Die Pharmaindustrie war einmal einer der größten Plattenproduzenten überhaupt, weil die sehr viele Give-Aways für Ärzte gemacht hat. Das meiste davon ist nicht so interessant, aber manchmal waren das richtige kleine Hörspiele. Und das trägt einen dann eben gleich in die Zeitgeschichte hinein.

Was ist denn Zeitgeschichte im Gegensatz zu dem, was man in Geschichtsbüchern liest?

Das Plattencover hat sich zusammen mit den Vinyl-LPs etabliert, Mitte der 50er-Jahre. Man hatte damit zum ersten Mal auch ein Medium, das man zu sich nach Hause tragen kann. Das heißt, es ist einerseits ein Massenmedium, aber anders als das Fernsehen und das Radio konnte man die Schallplatte auflegen, wann man selbst das wollte. Diese persönliche Ansprache hat sich jeder zunutze gemacht, der meinte, irgendwas zu sagen zu haben, auch nicht-musikalischer Art: Literatur, Politik, Religion, Werbung sowieso, Sport…

Wie wurde denn aus diesen „Feldaufnahmen“ das, was man später „Weltmusik“ nannte?

Der Begriff „Weltmusik“ ist eine Erfindung des CD-Zeitalters, ein Marketing-Begriff. Vorher hat man noch versucht, möglichst authentische Aufnahmen zu produzieren, mit der „Weltmusik“ kam dieser Synkretismus auf: Westliche zusammen mit ethnologischen Einflüssen. Und man stellte auf einmal fest, dass die Länder in Afrika und Asien gar nicht so isoliert gewesen waren, wie man das gedacht hatte, sondern dass sie diese Einflüsse aufgenommen und zum Teil großartige Musik daraus gemacht hatten. Mich interessiert neben dem Historischen der einzelnen Haltungen, die sich da jeweils darstellen, vor allem dieses Aufeinandertreffen von Einflüssen.

Welche Rolle spielen die Plattencover dabei?

Schauen Sie sich mal die „Exotica“-Covers von Martin Denny an. Die machen genau dieses Thema auf, wie Musik, im Grunde genommen von Anfang an, rund um die Welt gewandert ist. Martin Denny war Ende der 50er-Jahre ein Barpianist auf Hawaii, seine Musik, das war Easy Jazz mit Vogelstimmen. Komischerweise kann man sich darauf als gute Party-Hintergrundmusik wunderbar einigen, quer durch alle Generationen. Das ist dann zurück nach Hawaii gewandert, hat dort etwas ausgelöst, und das ist dann wieder nach Amerika zurückgewandert, quasi ein Ping-Pong-Effekt.


Was ist denn das Versprechen auf diesen Covern?

Es gab zum Beispiel Platten, auf denen „Tabu“ drauf stand, dieses ganze Voodoo-Thema zum Beispiel. Das Cover von „Ritual of the Savage“ ist ein Beispiel für die andere Seite des Fremden. Nicht mehr dieses sexy Geheimnisvolle, sondern der „edle Wilde“, der ideale, naturbelassene Mensch. „Ritual of the Savage“ bezieht sich natürlich auf Strawinsky und war ein Versuch, orchestrale Musik zu machen, die gleichzeitig Pop-Musik ist. Und da wird es dann wieder interessant, weil das dann natürlich etwas extrem Künstliches bekommt. Martin Dennys Trademark, diese Vogel-Stimmen, von denen hat er behauptet, sie seien zufällig auf den Aufnahmen gewesen, weil das alles live aufgenommen worden sei. Gleichzeitig haben wir in Europa die Neue Musik, die Musique concrète, wo Geräusche eine wichtige Rolle spielen. Da wirken ganz spielerisch verschiedene Ebenen zusammen.

Baxter Ritual of the Savage

Wie wird denn umgekehrt unsere Kultur auf Plattencovern dargestellt?

Wenn man sich zum Beispiel mal das hier anschaut.

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Das wurde in den 50ern in der französischen Besatzungszone herausgegeben, von der Militärverwaltung, um den Franzosen Berlin zu verorten. Aber das Musikstück ist „In München steht ein Hofbräuhaus“. Das fand ich ein schlagendes Bild, aber es funktioniert eben nur mit dem Sound zusammen. Und das ist es, was die Schallplatte ausmacht: dass sie das in einem Objekt erklärt.


Mehr zu den vermeintlich „Heilenden Rhythmen der Völker“ wird Kalle Laar heute Abend um 22 Uhr im Muffatcafé erzählen – der Eintritt ist frei. Weiter geht’s am Montag, mit der Lecture „Klang macht Macht“, in der er die Dimension des Klangs für Macht-Strukturen untersucht. Nähere Informationen in unserem Diskurs-Programm.

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