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Europäische Grenzerfahrungen – THE GRAVEYARD – CITIES ON THE EDGE

Filip Berte setzt sich in seinem Container THE GRAVEYARD – CITIES ON THE EDGE  mit verschiedenen Arten und Ausprägungen von Migration auseinander. Die Videoinstallation stellt vier Städte vor, in denen das Thema auf ganz unterschiedliche Weise beobachtbar wird. Filip erzählt dabei sehr persönliche Geschichten von Außenseitern – vor allem Flüchtlinge, Migranten und deren Angehörige – in Städten, von denen drei selbst als „Außenseiter“ gelten. Er besuchte Städte am südlichen und östlichen Rande der Europäischen Union und wollte die Leute kennenlernen, die am Rande der Gesellschaft leben. So reiste er nach Tiflis (Georgien), Chisinau (Moldawien) und Melilla (spanische Enklave in Marokko), wo er mit den Menschen sprach, viele Bilder und sehr viele eindrucksvolle Erfahrungen – sowohl positive als auch negative – sammelte. Diesen drei Städten stellt Filip in THE GRAVEYARD eine vierte Stadt gegenüber: eine Stadt, die geographisch keineswegs in der Periphärie der EU liegt. In Brüssel, dem Zentrum der Europäischen Union, werden die sozialen Grenzen betrachtet, die inmitten des urbanen Alltags liegen. Obdach- und Heimatlose bewohnen hier soziale Randgebiete im Herzen Europas.

Video (THE GRAVEYARD: Brüssel)

Auf einem anderen Kontinent gelegen, in der spanischen Enklave Melilla, besuchte der Künstler die Flüchtlinge, die auf eine Einreise in die EU hoffen. Marokko ist einer der Staaten, der über die Europäische Nachbarschaftspolitik eine enge Beziehung zur Europäischen Union pflegt. Marokko profitiert von diesen nachbarschaftlichen Vereinbarungen (v.a. Förderung der wirtschaftlichen Integration und demokratischen Reformen), muss aber auch bestimmte Pflichten erfüllen – z.B. was die Kontrolle der Flüchtlingsströme betrifft. Das an der marokkanischen Küste gelegene Melilla ist sehr klein und von dicken „Mauern“ umgeben. Ein dreifacher sieben Meter hoher Zaun umgibt die Stadt, die für viele Afrikaner der Ausgangsort für die erhoffte EU-Einreise ist. Tausende Flüchtlinge versuchen jährlich über die streng bewachte Grenze zu gelangen, meistens in Autos versteckt. Als Filip in Melilla war, wollte er mit so vielen Menschen wie möglich ins Gespräch kommen. Normalerweise ist Melilla kein Ort für Touristen: ein Belgier, der für zweieinhalb Wochen durch die Innenstadt wandert und immer wieder auf den richtigen Moment wartet, jemanden anzusprechen, fällt auf. Er traf häufiger auf dieselben Leute und freundete sich schnell mit ihnen an.

Video (THE GRAVEYARD: Melilla)

Wieder zurück in Europa besuchte Filip zunächst Tiflis, an der östlichen Grenze der EU gelegen. In der Hauptstadt von Georgien leben viele idps (internally displaced persons) –  Menschen, die innerhalb ihrer Landesgrenzen aufgrund von lang anhaltenden politischen Konflikten auswandern mussten. Die eingefrorenen inneren Konflikte in Georgien, vor allem in Südossetien und Abchasien, zwangen die Bewohner der Regionen in die Hauptstadt zu fliehen. Dort leben sie nun bereits seit 15 bis 20 Jahren – auch wenn es der  ursprüngliche Wunsch war, nur für wenige Monate der Heimat, den Krisenregionen im Kaukasus, fernzubleiben. Diese Menschen leben in sehr prekären, traurigen Verhältnissen. Sie haben die alten sowjetischen Hotels in Tiflis in ein neues Zuhause verwandelt: Eine ganze Familie, manchmal sechs bis acht Personen, leben in einem Zimmer, nutzen das Badezimmer als Küche oder kochen auf den Fluren. Oft gibt es keinen Strom und kein fließend Wasser. Filip Berte überlegte, wie er diesen Menschen auf eine unaufdringliche Weise näher kommen konnte, wie er sie besser kennen lernen konnte ohne dabei intime Grenzen überschreiten zu wollen. Als Architekt ist er interessiert an den Gebäuden, an den ehemaligen Hotels, und an deren sozialer Transformation. Die sich verändernden Gebäude sind dabei ein Symbol des Wandels und ein Symbol Georgiens selbst, ein Land, das sich seit seiner Unabängigkeit in einem Übergangszustand befindet. Ausgehend von der Architekur der Hotels hatte Filip den Plan, sich vor den Häusern zu platzieren und Zeichnungen anzufertigen um über sein archtektonisches Interesse die Aufmerksamkeit der Leute zu erwecken. Dieser leichte Einstieg sollte ermöglichen, locker mit den Bewohnern ins Gespräch zu kommen und sie ungezwungen kennenzulernen. Doch in Georgien angekommen, wurde die geplante Theorie schnell über den Haufen geworfen: „Ich wurde sofort eingeladen! Die Leute fragten mich, was ich hier tue und… schon saß ich in ihren Wohnungen und trank Wein mit ihnen – selbstgemachten, sehr schlecht produzierten Wein. Wenn man zu ihnen kommt, muss man direkt mittrinken, das ganze Glas auf einmal und dann wird sofort nachgeschenkt. Weil man einfach willkommen ist und das war sehr schön! In den armen Verhältnissen, in denen sie leben, sind diese Leute so offen und großzügig. Sie bereiten Essen zu und nehmen dich als Gast auf. Sie erzählten gerne, freuten sich ihre Geschichten weitergeben zu können und führten mich zu ihren Nachbarn weiter, die wieder andere Erlebnisse zu berichten hatten.  Das war eine tolle Erfahrung für mich!“

Video (THE GRAVEYARD: Tiflis)

Doch nicht alle Erfahrungen waren mit einem solch positiven Beigeschmack verbunden. In Chisinau wird man von den vielen Bildern der Armut und Auswegslosigkeit überwältigt. Wie sieht die Zukunft von Moldawien aus? Wie kommt Fortschritt in ein Land voller Armut und Auswanderung?  Viele Moldawier verlassen das Land um innerhalb der EU zu arbeiten – meist in einem anderen romanisch-sprachigen Land, z.B. als Haushälter oder Pflegepersonal in Portugal oder Italien. So lebt und arbeitet heute etwa ein Viertel der Bevölkerung im Ausland.  Die Kinder der Auswanderer werden von Tanten, Großeltern oder Freunden groß gezogen und kennen ihre Eltern nur über Online-Kommunikation: Es entsteht eine Skype-Generation. Zu den ökonomischen Problemen in Moldawien kommen so noch soziale Missstände hinzu. Wenn die Eltern im Ausland genug Geld verdienen, können Sie ihren Kindern wirtschaftlich mehr bieten als die meisten Eltern ihrer Schulfreunde. Sie haben schönere Klamotten, tragen hochwertigere Schuhe… aber durch den Neid der Klassenkameraden findet bereits in der Schule soziale Ausgrenzung statt. Die Kinder sind schon sehr früh dem sozialen Druck ausgesetzt. Und Zuhause warten nicht ihre Eltern auf sie um sie in sicheren familiären Verhältnissen aufzufangen. Wenn die Eltern im Ausland schließlich viel Geld verdienen, können sie ihre Kinder zu sich holen und ihnen eine gute Ausbildung bieten. Diese junge gut ausgebildete Generation verlässt das Land aber meist für immer und kehrt nicht wieder nach Moldawien zurück. Zurückgehende Bevölkerungszahlen und schlechte Bildung drängen Moldawien in einen wirtschaftlichen und sozialen Teufelskreis. „Es ist sehr traurig, hoffnungslos und noch schlimmer als in den anderen Städten.“

Video (THE GRAVEYARD: Chisinau)

Der Architekt und bildende Künstler Filip Berte stellt die Städte und ihre Bewohner in einer Videoinstallation, die in Zusammenarbeit mit dem Klangkünstler Ruben Nachtergaele entstanden ist, in Container Nr. 9 vor. THE GRAVEYARD ist ein Teil aus Filips Großprojekt HOUSE OF EUTOPIA, eine Gebäude-Installation, in der in verschienden Räumen die sozialen, politischen und historischen Grenzen Europas sichtbar gemacht werden. THE GRAVEYARD stellt den Garten des Hauses dar, durch den man durchschlendern und aus einem sehr intimen Blickwinkel in die Lebensrealität der Menschen aus Melilla, Chisinau, Tiflis und Brüssel eintauchen kann. Dabei geht es nicht um eine journalistische Darstellung der Städte sondern vielmehr um eine persönliche und lebendige Betrachtung der Welt, in der diese Menschen leben.

Weitere Informationen zu THE GRAVEYARD unter: http://the-graveyard-blog.tumblr.com/

 

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