SPIELART 2013

Kann man eine Puppe lieben?

Nathanael und Lars würden sagen: Ja.

Wikipedia sagt: Agalmatophilie bezeichnet eine starke Zuneigung bzw. sexuelle Präferenz gegenüber (nackten) Statuen. Auch andere unbelebte menschliche Darstellungen wie Gemälde oder (Sex-)Puppen können als Fetisch dienen.

Geumhyung Jeong jedenfalls behandelt die mit Brusthaar beklebte Resusci-Anne ihrer Performance CPR PRACTICE wie einen Menschen. Zunächst als sexuelles Lustobjekt, dann als sterbenden Notfall. Beides mit rührender Liebe und Hingabe.

Eine nackte Frau legt sich zu einer nackten Puppe ins Bett, beginnt sie zärtlich zu streicheln. Die Puppe scheint die Liebkosungen der Frau zu erwidern, fährt bedächtig über ihren Hals, ihre Brust, ihren Arm. Langsam, sanft, sinnlich. Sie scheinen alle Zeit der Welt zu haben. Und sie wirken sehr vertraut. Was die Frage aufwirft: Kann man eine Puppe wirklich lieben? Und wenn ja, warum?

Mittlerweile sollen Hersteller sehr teurer Sexpuppen (sogenannter Real Dolls) versuchen, selbst Atmung (bis hin zur Hauterwärmung) zu imitieren. Auch diese Puppe ist mit den primären Geschlechtsmerkmalen eines Mannes ausgestattet, der Rest ihres Körpers erinnert allerdings an die klassischen, glatzköpfigen Übungsdummies. Während der Zuschauer über die Funktionstüchtigkeit und den vermeintlich bevorstehenden Akt nachdenken mag, kommt ein imaginärer Herzstillstand der Puppe dazwischen. Die restliche Zeit widmet die Frau sich nun intensiv der cardiopulmonary resuscitation – kurz CPR. Sie hält sich dabei an die aktuellsten Vorschriften und Anleitungen. Ohne Erfolg.

Irgendwann ist es unwichtig, dass dort ein Dummy wiederbelebt wird. Ebenso wie es unwichtig ist, dass es von Anfang an ein aussichtsloses Unterfangen ist, eine Puppe zu (re)animieren.

Wichtig ist die spürbare Verzweiflung, die mit jeder verlorenen Minute steigt.

Wichtig ist schließlich der Moment des Aufgebens, des Resignierens, des Scheiterns.

Und dass der Zuschauer denkt: Endlich. Nicht nur wegen des furchtbar schrillen Tons des Messgeräts.

Für einen Augenblick sieht es so aus, als würde die Frau mit der Puppe sterben wollen. Sie legt sich sanft auf sie, umarmt sie ein letztes Mal. Obwohl die Elektroden des Defibrillators noch angebracht sind und die mechanische Stimme vor dem nächsten Stromschlag warnt. Er bleibt aus. Wie die anderen Male zuvor auch.

Die Frau versucht ein allerletztes Mal ihren Partner von Hand wiederzubeleben. Sie wirkt erschöpft und kraftlos.

Als sie sich erhebt und ihre Kleidung wieder anzieht, tut sie das mechanisch, das Gesicht ist starr und kalt. Die Verletzlichkeit, der fast zu intime Moment sind vorüber.

CPR PRACTICE thematisiert zunächst die Grundangst, einen geliebten Menschen zu verlieren. Ihm trotz aller Bemühungen und technischer Errungenschaften beim Sterben zusehen zu müssen.

Der sexualisierte Übungsdummy öffnet zusätzlich ein weites Feld an Denkanstößen. Er kann alles repräsentieren: den Partner, die Fantasie, die Einsamkeit, den Fetisch, die Toleranz, die Akzeptanz, …

Und wenn ja, warum?

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