Rafael del Rio vor seiner Foto-Serie “Desires of Persistance”

 

„Bilder von denen, die heute Tränen des Leidens vergießen.

Portraits von Menschen, denen man die Hoffnung nahm.

Fotografien, um die Trauer zu überwinden, Würde zurück zu erlangen,

um die fragile Existenz zu kitten,

um Durchzuatmen.

Um zu verhindern, dass das Leben sich düsterem Gesang hingibt und Angst

Die Schritte verhärtet.

Damit es den traurigen Beruf des Totengräbers nicht mehr braucht.

Für Freiheit, Gerechtigkeit und Wahrheit.

Für Solidarität und Grundwerte.

Ein Mosaik auf unserem zerfurchten Territorium, damit wir uns verstehen, uns heilen und erholen.

Dies sind Bilder, die die Angst auslöschen sollen, die Lüge und das Feuer.

Damit eine Zeit komme, in der kein Mensch die Hand gegen seinen nächsten erhebt und Menschen nur sterben, weil sie alt sind.“

Text: Adriana Navarro

Seit 20 Jahren arbeitet Rafael del Rio, der in Guadalajara den Master-Studiengang “Education and Expression” absolvierte, als Fotojournalist für nationale und internationale Medien in Mexiko. Seine Bilder zeigen Aufnahmen von Protesten gegen Gewalt durch die Regierung Mexikos. Der Fokus liegt auf Bildern, die das Verschwinden, die Massenentführung der 43 Studenten aus Iguala am 26. September 2014 dokumentieren.

Weshalb hast du das Verschwinden der Studierenden von Iguala zu deinem Thema gemacht?

Das Verschwinden der 43 Studenten in Iguala stellt eines der schlimmsten Verbrechen in der Geschichte Mexikos dar und ist so bezeichnend für die ganze Entwicklung des Landes. Wir haben sehr viele Probleme, aber die soziale Ungerechtigkeit, die Morde, also die fehlenden Menschenrechte – das ist die dunkelste, schlimmste Seite Mexikos. Dass Polizei, Mafia und Regierung alle unter einer Decke stecken, verschärft diesen Konflikt. Es gibt keine Garantie mehr für das Leben. Und deshalb ist es wichtig, darüber zu sprechen. Wenn die Menschen nichts ändern, wird es so weitergehen.

Rafael del Rio – Protestzug der Eltern der 43 verschwundenen Studierenden in Guerrero.

Das Foto des syrischen Jungen hat weltweit Bestürzung ausgelöst, Diskussionen entfacht, Politiker scheinbar zum Handeln animiert. Was können Fotos deiner Ansicht nach bewirken?

Man kann schon etwas bewirken, ich habe in einer anderen Serie in den Feldern liegende Leichen dokumentiert – versteckt im Morgengrauen. Eigentlich mag ich es gar nicht, diese Art der Fotografie, es macht keine Freude, diese Bilder zu schießen, du machst sie also nur, um die Realität zu zeigen. Ich arbeite zum Beispiel auch in den Medien, aber dort darf ich diese Bilder gar nicht zeigen. Das mache ich nur privat. Die Massenmedien, das sind 90 % aller Medien in Mexiko, verschleiern die Wahrheit, dienen der Propaganda, unterstehen der Zensur. Und wenn du durch die Straßen spazierst und auf Polizisten oder andere Regierungsvertreter triffst, etwas in deren Augen “Falsches” sagst, ist dein Leben in Gefahr.

Rafael del Rio – Protestzug ziviler Verbände und anderer Studierender aus Guadalajara aus Solidarität mit den 43 verschollenen Studierenden.

Hast du deshalb den Titel “Desires of Persistance” gewählt?

Ja, der Titel Desires of Persistance soll schon andeuten, dass wir nichts vergessen und mit Beharrlichkeit versuchen sollten, die Wahrheit aufrechtzuerhalten, uns immer wieder vor Augen zu führen, denn in Mexiko darf niemand etwas sagen, weil er sonst mit Gewalt rechnen muss. Aber, wie ich eben sagte, ich mag die Fotos nicht, also ist “Desires” in diesem Kontext natürlich negativ und nur das Verlangen, etwas Schlimmes unvergessen zu machen, bis es sich ändert. Ich beschäftige mich in meinen Fotos viel mit sozialen Problemen, sie zeigen die Realität, die ich durch die Linse sehe, die aber immer anders erzählt wird.

Rafael del Rio – Bigotterie: Junger Mann mit Symbol eines käuflichen Kriminellen auf dem T-Shirt. Dahinter die Jungfrau von Guadalupe und das Christuskind – die ursprünglichen Ikonen des katholisch geprägten Mexikos.

Wie leben die Menschen untereinander? 

Wir brauchen diese Aussicht, glücklich zu sein. Wir halten durch, weil wir uns sehr nahe sind, halten noch zusammen, wie auf den Demonstrationen. Aber lange geht es nicht mehr. Denn die Gewalt, die Angst, die sich seit zehn Jahren aufgebaut hat, trennt uns wieder. Das muss aufhören. Es gibt eben auch keine Partizipation, keine Aktionen. Das einzig Gute ist Facebook, also die sozialen Medien. Hier können die Menschen wenigstens ihre Meinung sagen und sich verbinden. Denn in der Politik geht es nur um Macht und vor allem um Geld. Wenn die Politiker den Zyklus durchbrechen würden, wären sie selbst arm wie Kirchenmäuse, das ist ein Teufelskreis.

Rafael del Rio – Beschlagnahme und Verbrennen von Marihuana-Pflanzen in Jalisco, Mexiko.

Haben die USA denn nicht auch wie in anderen Teilen Südamerikas eine große Teilschuld an der Armut, indem sie die Drogenkriege unterstützen? Und die Polizisten, die verantwortlich für die Morde an den Studierenden aus Iguala sind, haben mit deutschen Waffen geschossen.

Ja, es ist einmal das eine und einmal das das andere. Das größte Problem ist, dass wir kein Bildungssystem haben. Das würde sehr viel ändern. Viel mehr Leute könnten sich dann besser zur Wehr setzen. Bei uns hat sich aber – nicht nur durch die Regierung, sondern vielleicht auch durch den Katholizismus – eine „Kultur des Schweigens“ etabliert.  Doch die Menschen müssen über ihre gravierenden Probleme sprechen, auch im internationalen Raum, über die Gewalt, die Regierung und das Morden. Sie haben zu viel Angst. Als die jungen Leute vor der Wahl des jetzigen Präsidenten auf die Straße gingen, wurde der Protest gewaltsam aufgelöst, heute sitzen alle im Gefängnis, werden gefoltert wie die Menschen aus Iguala, also begehren sie nicht mehr auf. Die Taktik funktioniert.