WAKE UP!

Tag3:WAKE UP!Lectures

Das lustige Männchen namens Alex des Omikron Projects versucht Stereotype über Griechenland zu widerlegen und nicht erzählte Geschichten zu zeigen. Die türkische Jugend verbreitet ihre Botschaften über von der Popkultur inspirierte Satiremagazine und führt so den mächtigen Vater Erdoğan und seine AKP an der Nase herum, während Mohammad Ayub von NAHNOO mit Guerilla-Picknicks sich für die Wiedereröffnung des Horsh Parks in Beirut einsetzt.

Studentinnen des Workshop THEATRE IN WORDS berichten über Vorträge des Diskursprogramms WAKE UP!
Von Alisha Frei (Studentin Theaterwissenschaft, LMU)

WAKE UP! – Dieser Aufruf schallte das Wochenende vom 22. bis 24. November über durch die Muffathalle – nicht nur als Appell, sondern auch als Motto des Diskursprogrammes, das im Rahmen des Spielart stattfand und sich mit den Problemen beschäftigte, die aktuell in Europa vorherrschen, insbesondere der Eurokrise(n). Geladen waren Wissenschaftler, Philosophen, Künstler und Aktivisten aus allen Teilen des Kontinents, die dem Zuhörer – mal nüchtern-wissenschaftlich, mal empört oder humorvoll – ihre Belange, Begehren und Sichtweisen präsentierten . Die Vortragenden konnten so einen individuellen Fokus setzen – jeder einzelne Vortrag kann als Splitter dessen, was wir Europa nennen, gesehen werden, neue Blickwinkel öffnen und zum Reflektieren anregen. Abgerundet wurde das Programm von Performances der spanischen Gruppe La tristura und dem italienischen Künstlerkollektiv des Teatro Valle Occupato – ein wichtiger Teil dieses theoretischen Wochenendes, der wieder einmal betont, was wirklich im Zentrum der Krise steht: der Mensch, mit all seinen Wünschen und Träumen.

Von Mira Grötzner (Studentin der Theaterwissenschaft, LMU München)

Immer wieder fiel der Begriff „Crisis Porn“, nicht einmal wurde erklärt, was damit genau gemeint ist oder woher er kommt. Ist das ein allgemeiner (Fach-)Begriff für eine sehr drastische Darstellungsweise der Medien? Ist er von den Verantwortlichen des vorgestellten Projektes geprägt? Was genau soll der Zuhörer mit diesem Begriff anfangen?
Der Vortrag brachte kaum Erkenntnisse. Das Ziel des Projektes ist es, die Aufmerksamkeit der Menschen auf das seit Beginn der Krise vorherrschende negative Bild der griechischen Mentalität zu lenken und dieses zu widerlegen. Dabei griff die Vortragende zu eben jenen Mitteln, gegen die sie doch so vehement vorzugehen wünscht: Verallgemeinerungen und Stereotypen.
Beispielsweise zeigte sie zwei Videos, welche Thesen in den Raum stellten, wie „Europa denkt, die Griechen sind faul“, worauf die Antwort folgte „die Griechen sind nicht faul“. Wenig überzeugend, kaum fundiert dargestellt und sehr oberflächlich gehalten. Um im Internet Aufmerksamkeit zu erregen sind solche Videos sicher wirkungsvoll, aber hier wirkten sie sehr platt und unreflektiert propagandistisch. Mein Eindruck war vor allem, dass der Vortrag dem SPIELART-Publikum hätte angepasst werden müssen. Beispielsweise wurde die These aufgestellt, dass Vorurteile über einzelne Länder dadurch entstehen, dass die Menschen unreflektiert alles glauben, was die Medien oder andere Menschen sagen und das dann weitertragen. Im Ansatz kann man diese Kritik sicherlich nachvollziehen, doch gerade als Zuhörer auf einem solchen Festival und in einem Kontext wie WAKE UP! immer wieder mit dieser Anschuldigung und der Aufforderung zur Kritik konfrontiert zu werden, wirkt reichlich unpassend, zeigt das Publikum ja gerade durch die Anwesenheit bei dem Vortrag ein gesteigertes Interesse zu reflektieren und sich zu informieren und wird wohl auch im Alltag kaum in die angeprangerte Wesensart verfallen.

Eine sehr interessante und mit Leidenschaft vorgetragene Präsentation ist Bariş Uygurs PROTEST UND SPOTT. Mitnehmen kann ich viele neue Einsichten über die Situation der Medien in der Türkei und den Umgang der Menschen damit. Doch die Frage bleibt, inwieweit ein Versuch stattfindet, den Journalismus der großen Zeitungen, Fernseh- und Radiosender zu reformieren und ob es eine Chance in der Bevölkerung gibt, dass diese Bemühungen Früchte tragen könnten. Die derzeitige Situation wirkt grotesk und kann kaum ewig in dieser Weise andauern. Welchen Sinn sollten die Lobbyisten noch darin sehen, weiterhin die großen Medien zu fördern, wenn diesen doch, glaubt man dem Vortrag, kaum ein Mensch in der Bevölkerung mehr glaubt oder überhaupt zuhört? Welche Konsequenzen ziehen diese Unternehmen daraus? Alles ungeklärte Fragen einer sehr einseitigen und doch informativen Darstellungsweise.

Von Lena Müller (Studentin der Theaterwissenschaft, LMU München)

Eine Gesellschaft ohne öffentlichen Raum? – Das bedeutet eine Gesellschaft ohne Austausch und Kommunikation. Diese Einschränkung stellt den ganzen Begriff der Gesellschaft, der nun mal auf einem gewissen Austausch basiert, in Frage.
Ansatz dieser Diskussion ist die Lage in Beirut, die Stadt, die Mohammad Ayub mit seinem Netzwerk NAHNOO, auf die Missstände aufmerksam machen will.
So scheinen die Bewohner erst allmählich aus ihrer anonymen Lebenswelt auszubrechen und ihre neue Freiheit, die Nutzung des öffentlichen Raums, zu gebrauchen. Exemplarisch steht dafür die Aktion zum Erhalt des Horsh Parks. Mit Hilfe von diversen Protestaktionen und der Publikmachung durch die Medien, wurde ein so starker Druck ausgeübt, dass die zuvor geschlossene Grünanlage nun als öffentlicher Platz genutzt werden darf.
Eine weitere Etappe der stark separierten Stadt zu einer sich annähernden Gesellschaft.

Von Lisa Patzelt (Studentin der Theaterwissenschaft, LMU München)

Neben den vielen Vorträgen stand zur Abwechslung eine Diskussion zum Thema Migration auf dem Plan. Diskussion. Klingt nach spannendem, angeregtem Austausch von Argumenten unterschiedlichster Positionen. War es aber nicht. Eigentlich hätte man das Ganze auch „Der Moderator stellt jedem Gast eine Frage, welcher diese in einem 20 minütigem Einzelvortag beantwortet“ nennen können. Die Gesprächspartner gingen nicht aufeinander ein, waren alle ungefähr der gleichen Meinung und formulierten ihre Ansichten für fachfremde Zuhörer unverständlich. Zu lange Redebeiträge, zu wenig Interaktion, zu langweilig. Fazit: Ziemlich schade, da das Thema an sich genug Potenzial mit sich bringt. Misslungene Umsetzung eines eigentlich spannenden Themas.

Fotos: Dominik Žižka

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