SPIELART 2013

WESTERN SOCIETY – 2:55 Minuten Familienfest

 

CHRISTINA HERTEL

Ein You-Tube-Video von einem Familienfest – 2:55 Minuten lang, sieben Gäste, in St. Barbara, Kalifornien, dem „westlichsten Punkt der westlichen Gesellschaft“ – haben Gob Squad zum Herz ihrer Performance gemacht. Dieses Video war irgendwo in den Weiten des Internets verschwunden. Niemand hat sich dafür interessiert, anscheinend nicht einmal die Gäste selbst: Insgesamt wurde es nur viermal angeklickt.

In dem Video passiert nichts und doch passiert alles. Der Junge sitzt gelangweilt da, das Mädchen spielt mit ihrem Handy, die Oma tanzt, jemand isst Kuchen, eine Karaoke-Maschine läuft ständig im Hintergrund – eine ganz normale Wohnzimmer-Situation, die sich so oder so ähnlich wohl öfter ereignet. Doch dem Zuschauer wird schnell bewusst, dass sich die Familie zwar in einem Raum befindet, zusammen isst, trinkt, dieselbe Luft atmet, aber dass eigentlich jeder sein eigenes Leben führt, ohne den anderen zu beachten. Das Video ist also mehr als eine langweilige Ansammlung von Bildern. Es ist das Sinnbild unserer westlichen Gesellschaft, eine Metapher unseres eigenen Zusammenlebens.

In dem ersten Teil der Inszenierung spielen die vier Schauspieler Damian, Bastian, Sharon und Sean dieses Video nach. Ab jetzt sieht der Zuschauer größtenteils nur noch das, was mit der Live-Kamera gefilmt und auf die Leinwand, die vor das eigentliche Geschehen gerückt ist, projiziert wird. Weil die vier Gob-Squad Darsteller aber für ein richtiges Reenactment zu wenige sind, holen sie noch sieben Zuschauer auf die Bühne. Die neuen, zufällig ausgewählten Mitspieler müssen Kopfhörer aufsetzen, durch die sie Regieanweisungen bekommen. Nach und nach stellen alle zusammen das Video nach. Ab und zu unterbrechen Gob Squad, um ihre eigene Familiengeschichte zu erzählen oder um den anderen entscheidende Fragen zu stellen: Kind oder Karriere? Lieber der schwuler Sohn sein oder einen schwulen Sohn haben? Lieber die eigenen Beine oder die eigene Mutter verlieren?

Obwohl das nun alles sehr ernsthaft, vielleicht sogar ein bisschen traurig klingt, ist der Abend für die meisten ein großer Spaß: Das Publikum lacht ständig, am Ende gibt es für die Darsteller tosenden Applaus und auch beim Künstlergespräch hinterher werden Gob Squad mit Lob nur so überschüttet.

KATHARINA JENTSCH

Verstauben nicht bei jedem von uns Zuhause alte Fotoalben und Videos aus Kindheitszeiten oder von sich jährenden Familienfeiern? Sicherlich! Längst vergessen in der hintersten Ecke des Regales und dem Versprechen »Ich werde es bald dazu in das Album von ´96 kleben und das Video auf meinen Computer ziehen«. Dann gerät es in Vergessenheit.

So lange bis Gob Squad es auf Youtube entdeckt (wobei sich dann die Frage stellt, WER von unseren Verwandten ist bloß auf diese Idee gekommen?) und es als eine Art gold-glitzernde TV Show auf die Bühne der Muffathalle am 26./27.11.2013 in München bringt, die es sich anzuschauen lohnt mit dem Titel Western Society. Den Zuschauer erwartet ein Entertainment Theater, das sich sehen lässt und uns dazu bringt, über unsere eigene Verwandtschaft nachzudenken und vielleicht den ein oder anderen auf der Bühne wiederzuerkennen: Sei es die »Cake Lady« (die Großtante), den »White Cap Boy« (der gelangweilte Neffe) oder die ewig tanzende »Granny«. Sicher ist jedoch, dass nach dieser Vorstellung einige Familienvideos und –Geschichten wieder ausgepackt werden und der Vorsatz gefasst wird: »Das darf nicht wieder in Vergessenheit geraten«. Ob der Vorsatz auch eingehalten wird, das bleibt jedoch offen.

Ein locker flockiges Gesellschaftsportrait, in dem man sich selbst wiedererkennen kann und die Geschichten der Künstler, die sie auf der Bühne erzählen, zu den eigenen werden – die Fragen, die gestellt werden, man spontan für sich selbst beantwortet.

Alles in allem kann jedoch festgehalten werden, dass das Zuschauen bei Gob Squads Inszenierung Western Society ein Vergnügen ist, wenn man sich darauf einlassen kann, sich einfach fallen zu lassen und die Unterhaltung zu genießen, die gold-glitzernd und mit trashiger Musik im achtziger Jahre Stil daherkommt.

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