SPIELART 2019

Gemeinschaft der Zuhörenden

Interview: Chris Schinke

Beim SPIELART Theaterfestival präsentiert der Schweizer Künstler und Geschichtensammler Mats Staub zwei seiner Arbeiten. Der SPIELART Blog sprach vorab mit ihm über Form und Zielsetzung seiner Projekte.

© Andreas Etter

Du bringst zum kommenden SPIELART zwei Deiner Videoarbeiten mit. Welche sind das und wovon werden sie handeln?

„21 – Erinnerungen ans Erwachsenwerden“ ist ein Langzeitprojekt, an dem ich seit sechs Jahren arbeite. Dafür habe ich in verschiedenen Städten und inzwischen über drei Kontinente hinweg Menschen die Fragen gestellt: »Was haben Sie mit 21 Jahren gemacht?« und »wie sind Sie erwachsen geworden?« Mein Ziel war eine Art ‚Galerie des Jahrhunderts’ und für möglichst jedes Jahr Menschen zu finden, die davon berichten. Zu den ältesten gehört ein heute hundertjähriger Mann, der noch vom Jahr 1939 berichten kann, als er 21 Jahre alt war. Und die jüngsten sind im letzten Jahr 21 geworden. Insgesamt ist es so, dass ich die Leute zuerst interviewt habe, das Gespräch habe ich schließlich kondensiert auf eine Erzählung von meist ca. 10-15 Minuten. Drei Monate später habe ich den Teilnehmenden diese Erzählung vorgespielt und sie dabei gefilmt, wie sie sich ihre eigene Geschichte anhören.
Die zweite Arbeit »Death and Birth in My Life« ist neu. Im Juni war sie zum ersten Mal in Basel zu sehen. In ihr führe ich keine Interviews, sondern bringe jeweils zwei Menschen zusammen, die sich gegenseitig ihre Erfahrungen mit Geburt und Tod erzählen. Die über allem stehenden Fragen sind: Wie haben dich diese Erfahrungen geprägt und verwandelt? Was hat das mit dir gemacht? Ebenso wie „21“ wird auch „Death and Birth in My Life“ als Videoarbeit zugänglich sein; man wird dabei beiden Menschen, dem sprechenden und dem lauschenden gleichzeitig ins Gesicht sehen, was man im echten Leben nicht kann.

Was sind die Parallelen beider Arbeiten?

Bei beiden spielt die Kunst des Zuhörens eine entscheidende Rolle. Und beide sind als Langzeitprojekte angelegt und präsentieren Lebensgeschichten aus verschiedenen Weltgegenden.  Dann gibt es ästhetische Verbindungen: ich habe beide Male mit derselben Szenografin zusammengearbeitet, Monika Schori. Und mit denselben Kameramännern, Matthias Stickel und Benno Seidel. Beide Projekte sind mit hochgestellten Kameras gefilmt und die Monitore, auf denen die Filme präsentiert werden, sind hochkant angeordnet. Beide Projekte nutzen dieses Porträtformat. Die „Temperatur“ der beiden ist allerdings verschieden und auch die Art wie man sie betrachtet. Bei „21“ kann man sich frei bewegen und sich sein Programm ganz individuell zusammenstellen. „Death and Birth in My Life“ funktioniert nur zeitgebunden und man schaut an einem Abend zwei lange Videos die je etwa fünfzig Minuten dauern. Beiden Arbeiten ist wiederum gemeinsam, dass es mehrere Besuche braucht, um sie komplett zu sehen – die Portraits in ‚21’ haben eine Gesamtspieldauer von gut acht Stunden, für „Death and Birth in My Life“ gibt es drei verschiedene Abendprogramme.

Beide Stücke – und Deine Arbeiten generell – sind sehr persönlicher Natur. Welchen Anteil hat Deine eigene Biografie an den Arbeiten?

Die spielt bei beiden eine wichtige Rolle, es gibt immer einen tiefen biografischen Kern, weil es nur so möglich ist, dass ich so lange dranbleibe. Das Jahr in dem ich 21 wurde ist für mich enorm prägend gewesen, hingegen hatte ich lange Zeit Schwierigkeiten mich als ‚Erwachsener’ zu verstehen.  „Death and Birth“ kommt aus einem persönlichen Verlusterlebnis – mein Bruder ist gestorben und ich habe da die Erfahrung gemacht, dass es gesellschaftlich kaum einen Raum gibt, um über Verlust zu sprechen. Die religiöse Gemeinschaft bietet einen solchen, ich aber möchte im Theater einen solchen Raum ermöglichen.

Folgt man den Gesprächen Deiner Arbeiten, scheinen sie beinahe eine therapeutische Qualität zu haben.

Nach den Gesprächen haben die Beteiligten oft ein Gefühl von Leichtigkeit, aber es sind einmalige Erlebnisse und das ist schon ein starker Unterschied zu einem therapeutischen Setting. Was stattfindet ist im gelingenden Fall einfach ein gutes Gespräch und das hat – davon bin ich überzeugt – eine heilsame Wirkung.

Die Interviewpartner*innen vor Deiner Kamera exponieren sich sehr stark. Dennoch hat man nie das Gefühl einer Grenzüberschreitung. Wie gewährleistest Du, dass der Raum, den Du anbietest, auch ein geschützter Raum ist?

Das ist für mich eine entscheidende, absolut wichtige Sache, die Menschen zu schützen. Sie können sich nur dann wirklich öffnen, wenn sie geschützt sind. Ein Aspekt ist, dass ich vorab klar mache, dass ich nichts von dem Gesagten in den fertigen Film aufnehme, wenn das nicht gewünscht ist. Das entspannt die Situation ungemein, wenn man weiß, dass man nicht bei allem was man erzählt, aufpassen muss. Ein anderer Aspekt betrifft die Präsentation, die jeweils auf Intimität abzielt – so wird „Death and Birth in My Life“ nur in kleinen Gruppen von fünf bis sieben Besucher*innen zu sehen sein. Zwischendrin wird es auch eine Pause geben, in der man sich über das Gehörte austauschen kann, aber nicht muss, wenn man nicht will.

Welche Erfahrungen willst Du dem Publikum vermitteln? Was sollen sie von ihrem Besuch mitnehmen?

Sicherlich, dass das Zuhören eine enorm wichtige Qualität ist. Gerade in unserer Zeit. Es ermöglicht, sich mit Menschen mit völlig anderen Biografien und Hintergründen in Beziehung zu setzen. Ich hoffe, dass eine temporäre Gemeinschaft von Zuhörenden entsteht.

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