Show me the world SPIELART 2015

Show me the World: Dreitägiges Symposium zum Kuratieren in einer global vernetzten Welt

„Frühstückst Du noch oder kuratierst Du schon?“ lästerte im Februar 2013 das Kunstmagazin ART aufs Schönste und brachte damit spöttisch die Inflation des Begriffs auf den Punkt. Und der Literaturprofessor Hans Ulrich Gumbrecht beschrieb am 3. August 2012 in der FAZ, was ihn am Kuratieren nervt und verwies dabei auf den Duden von 1986, in dem das Verb „kuratieren“ überhaupt nicht auftauchte und der „Kurator“ nur als „Verwalter einer Stiftung, Vertreter des Staates in der Universitätsverwaltung“ definiert wurde. Zwanzig Jahre nach dem „Curatorial Turn“ und ein gutes Jahrzehnt nach der Einführung zahlloser Studienangebote zum Kuratieren, scheint der Bogen überspannt und man findet heute allen Ernstes Leute, die ihren Kleiderschrank und ihre Playlists kuratierten oder den Content ihrer Facebook-Timeline oder ihres Twitter-Feeds. Der schlaflose Dauerinterviewer Hans Ulrich Obrist ist inzwischen vor allem für seinen kuratierten Instagram-Account bekannt und seine drölfzigste Publikation, die Anfang 2015 erschien, schleudert dem arglosen Leser den Imperativ entgegen: Kuratieren!

Gleichzeitig besinnen sich immer mehr Kuratoren auf das Beispiel von Harald Szeemann und bezeichnen sich selbst lieber als „Ausstellungsmacher“. Auch Carolyn Christov-Barkagiev, Leiterin der dOCUMENTA (13) und der aktuellen Istanbul Biennale 2015, lehnt den Begriff des Kurators als Selbstbezeichnung kategorisch ab und sieht sich lieber als die Person, die ermöglicht, skizziert, entwirft. „Personally, I do not use the word curator. […] I like the term “exhibition maker” much more. In Istanbul I use the word “draftsperson”, someone who makes the draft, and “to draft” means “to draw”, bekennt sie im August 2015 im Interview mit Arterritory.

Und doch war der Aufschrei Anfang des Jahres unüberhörbar, als bekannt wurde, dass Chris Dercon, ehemaliger Direktor des Haus der Kunst und aktueller Hausherr der Tate Modern, 2017 Intendant der Berliner Volksbühne werden soll. Vom „Kuratoren-Theater“ war da die Rede und von der unausweichlichen „Eventisierung“ des Spielplans. Was ist so neuartig, so erschreckend und panikauslösend an der kuratorischen Praxis, wenn sie im Theaterbereich Anwendung findet? Und braucht es den Begriff des Kurators im Theater überhaupt? Worin unterscheidet sich die kuratorische Tätigkeit von den Arbeitsbereichen der Dramaturg/innen, Produzent/innen oder Intendant/innen? Wachsen die unterschiedlichen kulturellen Ausdrucksformen nicht sowieso immer mehr zusammen? Installationen sind auf der Theaterbühne keine Seltenheit mehr, Performances waren sowieso stets im Hybridbereich zwischen Darstellender, Visueller und Bildender Kunst angesiedelt. Viele Künstler sind in verschiedenen Bereichen gleichzeitig aktiv; arbeiten als Regisseure, Bildhauer, Möbeldesigner, Choreographen, Musiker oder Filmemacher. Wer könnte Jan Fabre eindeutig der Bühne und dem Theater oder Tino Sehgal eindeutig dem Ausstellungsraum, dem Museum zuordnen?

Bei SHOW ME THE WORLD soll neben der überfälligen Diskussion über das Kuratieren im Theaterbereich zugleich die Frage nach der Globalisierung und deren Auswirkungen auf die Programme internationaler Festivals gestellt werden. Tatsächlich ist die Selbstreflexion über Exotismen, über Ethno- und Eurozentrismus auf deutschen Bühnen lange überfällig. Das haben nicht zuletzt die postkolonial informierten Debatten der letzten Jahre über Blackface oder den strukturellen Ausschluss nicht-weißer kritischer Kulturpraktiker_innen bewiesen, und vor allem das Nicht-Begreifen-Wollen oder –Können der etablierten (weißen) Theatermacher und –kritiker.

Das von Sigrid Gareis initiierte Mammutprojekt SHOW ME THE WORLD begann mit Recherchen und internationalem Austausch. Vorbegegnungen fanden auf vier Kontinenten statt, die Kurator/innen und Expert/innen jetteten zwischen Bogota, New York, München, Freiburg, Kairo, Lagos und Singapur hin und her. Über Nachhaltigkeit und den globalen Fußabdruck der dabei hinterlassen wurde, müsste vermutlich auch mal gesprochen werden. Im April 2015 fand bereits eine erste Konferenz beim Impulse Theater Festival in Mühlheim an der Ruhr mit fast identischem Teilnehmerkreis statt. Die dabei entstandenen Videodokumente sind auf dem youtube-Kanal von SPIELART abrufbar sowie auf der Website verlinkt. Das Münchner Symposium im Haus der Kunst bildet nun den Anschluss der globalen Diskussionsrunde – mit Vorträgen, Fallstudien, Kuratoren-Dialogen, Arbeitsgruppen und sonstigem diskursiven Austausch.

Am Haus der Kunst ist seit vier Jahren Okwui Enwezor der Direktor, Kurator der documenta 11, die erstmals deterritoriale Strategien einführte, und der Venedig Biennale 2015, ein ausgewiesener Experte für postkoloniales Kuratieren. Die Münchner Kammerspiele werden seit dieser Spielzeit von Matthias Lilienthal geleitet, Vertreter des „Kuratoren-Theaters“ und Freund des designierten Volksbühnenintendanten Chris Dercon, der seine Stategien für eine stärkere Internationalisierung der Kammerspiele schon angekündigt hat. Im Programmzettel von SHOW ME THE WORLD tauchen die Namen der beiden lokalen Größen nicht auf. Vielleicht mischen sie sich auch so in die Diskussion ein, als glokale Überraschungsgäste.

Das detaillierte Programm findet sich hier: http://spielart.org/showmetheworld/

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