Art in Resistance SPIELART 2015

Alles muss, nichts kann

In der Gegenwart muss man auch erstmal ankommen. „The Erasers“ stellen die Innenseite der Geschichte als Ort des Terrors vor, der theatrale Exzess als manifester ‚Ausnahmezustand‘. Ein Roadtrip durch eine leere Gegenwart, in dem die Bilder stürmen. UROPA/ A ROAD TO KNOWHERE, zum gestrigen Finale von ART IN RESISTANCE, in der Retrospektive.

 

Die beiden Performer überschütten sich mit Dosenbier, lassen billige Chips auf sich regnen, weder fürs Essen noch fürs Verdauen ist Zeit; das alles landet unmittelbar auf der Bühne und sieht dort vom Fleck weg aus wie Erbrochenes. Der Teil, in dem das Bier im Magen und im Kopf zu rumoren beginnt, sich mit Magensäften verbindet, bevor es schließlich wieder an die freie Luft gesetzt wird, dieser Abschnitt fehlt. Zwischen Anfang und Ende, Lebensmittel und Exkrement, Ware und Abfall tragen sie ein unsichtbares Leerzeichen ein. „The Erasers“ und „DEAD CLASS“ (Athen/Berlin) proben den revolutionären Ausstieg aus der Geschichte.

Die beiden Performer, ständig aufgekratzt wie auf der Flucht, hüpfen in einen alten BMW auf der Bühne. Christos Passalis beschmiert erst das Auto, dann sich selbst mit roter Farbe, dazu Stroboskop-Gewitter, Techno. Vor uns flimmern nacheinander die Stationen Rom, Paris und Berlin ab, Video-Material aus den jeweiligen Städten, ihrer Protest-Kulturen, ihrer Wahrzeichen, ihrer Denker. Das Archiv-Material auf der einen, Live-Aufnahmen von der Bühne auf der anderen Seite der Leinwand, denn auch die Gegenwart ist schon Geschichte, muss als solche überwunden werden. Dazu nuschelt Giogios Kakanakis Texte in ein Mikrofon, von denen man nur hier und da Fetzen versteht. Den Rest zermahlen „DEAD CLASS“ als DJs am Bühnenrand.

Dort steht ein weiterer Performer, gebückt über einen Schreibtisch, und erschafft eine chaotisch werkelnde Rahmung zum unbeweglichen BMW, eine Makro-Perspektive zu den Close-Ups der Performer im Auto. Unzählige mit Begriffen beschriebene Zettel landen nach und nach auf dem Boden, während die Bilder auf den Leinwänden verflimmern. Es ist harte körperliche Arbeit, die Geschichte zu erledigen, sie Bild für Bild durchzustreichen, und ohne künstliche Beschleunigung geht es offenbar nicht. Immer wieder überschütten sich die beiden Performer mit Bier, am Schreibtisch werden Pillen-Cocktails gebraut und über eine Landkarte Europas ausgegossen.

Von der Julirevolution von 1830 in Paris heißt es, man habe auf die Turmuhren geschossen. Etwas Vergleichbares passiert hier gleich zweimal: Der Laborant am Schreibtisch zertrümmert einen Wecker mit dem Hammer, dann später noch einmal. „The Road to Excess leads to the Road to Excess“, lesen wir auf der Leinwand. Tatsächlich verbohrt sich der Abend in diese kommende Gegenwart, für die er gewaltsam Lücken in eine entgrenzte Geschichte zu sprengen versucht. Aber eine Tautologie, biersaufend auf der Stelle zu hüpfen und dazu ein monotoner Techno-Beat, ist das wirklich schon der erhoffte Widersinn, der endlich Platz macht, alles erledigt?

„Everything is real, nothing is possible“, lautet ein weiterer der programmatischen Sätze, mit denen uns die „Erasers“ den Krieg gegen die Bilder erklären. Tatsächlich geht nichts in diese irren Konstellationen ein, alles bleibt einfach dröhnend real auf der Bühne liegen. „Du bist nicht mein Bruder, du bist nicht meine Schwester“, murmelt Kanakis ins Mikrofon, auf die Windschutzscheibe des BMW haben sie das Wort „Pray“ geklebt, auf der Leinwand irgendwelche Aufnahmen von Berlin. Insgesamt ist es ein Abend der Ausfälle aus den geschichtlichen Zusammenhängen, aber mit wenigen Einfällen. Klar, der Stumpfsinn hat Methode, aber trotz der gleichbleibenden, nervigen Heftigkeit der Musik wirkt die Performance bei all der Anstrengung, die sie produziert, seltsam kraftlos.

Als wäre man nüchtern um 7 Uhr morgens auf einer Berliner Techno-Party. Bei denen wird ja ebenfalls dem Geheimnis der Gegenwart nachgejagt wird, während darüber die Zeit zu einem unwirklichen Brei verschmilzt, auf dass das Delirium komme. Agamben, Foucault, das Brandenburger Tor, Charlie Chaplin? Völlig egal, durchgestrichen und dann weg damit, und bloß nicht anhalten! Vor vier Jahren wurde dieser audio-visuelle Rave zum ersten Mal aufgeführt, aber die Zeichen der Zeit haben ihn nicht überholt. Dieser Roadtrip durch die jüngere Geschichte ist so schnell, dass außer der abstrakten Bewegung nichts von ihm übrigbleibt.

 

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