SPIELART 2015

Galgenhumor

Mit seiner Performance-Lecture „Executed Stories“ erzählt Juha Valkeapää eine Kulturgeschichte der Todesstrafe

 

Ein wenig wie in einem Wohnzimmer fühlt man sich, sitzt man doch bequem auf Sofakissen: Bilder an der Wand, ein Perserteppich in der Mitte der ebenerdigen Bühne, darauf ein Cocktailsessel aus grünem Samt. Auf diesem nimmt Juha Valkeapää immer wieder Platz. Als Erzähler einer etwas ungewöhnlichen Geschichte. Der Wandteppich verrät es schon, denn ein Galgenmännchen ist darin eingewebt: Valkeapää erzählt von Henkern und Gehenkten, von Henkersmahlzeiten und institutionalisierten Todesstrafen. Der Sessel wird dann auch bald vom gemütlichen Erzählonkelinventar zum sezierten Betrachtungsgegenstand, etwa wenn der Performer an sich selbst demonstriert, wie der elektrische Stuhl funktioniert.

Um den zentral platzierten Sessel herum: diverseste Instrumentarien, die im Verlauf der zweieinhalb Stunden zum Einsatz kommen werden. Seile, Äxte, Steine, ein Gewehr. Wie ein Einmannorchester hat sich der Performer die Utensilien zurecht gelegt, sein Gestus gleicht bisweilen dem eines Zauberkünstlers. Ja, die Stimmung ist heiter an diesem Abend. Doch gleitet sie nie in platten Haha-Witz ab, trocken referiert der Performer die Einzelgeschichten von Vollstreckern und ganzen Henkersdynastien, von typischen Problemen in jeder Ära – dass etwa beim Tod durch den Strang der Knoten im Seil immer auf der linken Seite des Halses liegen muss, damit das Genick sofort bricht. Liegt er auf der rechten, klappt der Kopf nach hinten und der Hinzurichtende wird langsam und qualvoll stranguliert. „Also: bitte aufpassen!“ kommentiert der Erzähler nur.

Die Unvorstellbarkeit der Tatsachen allein sorgt für ein Sammelsurium an Absurditäten. Mit seiner nüchternen, ruhigen Stimme muss Valkeapää dies nur noch unterstreichen. Seine akribische Vorgehensweise macht ihn zum Chronisten einer Kulturgeschichte der Todesstrafe, wenn man so will. Die verwendeten Hilfsmittel werden nach Gebrauch in Gruppen und Installationen drapiert. Der Bühnenraum gleicht zuletzt jedoch weniger einem Museum, denn einem belebten Erinnerungsraum, in welchem zugleich die Grausamkeit aber auch die Absurdität des Henkerhandwerks und der Todesstrafe ausgestellt werden. Denn gerade dies ist die Leistung der Inszenierung: Sie kontextualisiert die Tötungsmethoden, schlägt einen Bogen bis in die Jetztzeit, bis nach China, den Iran und die USA, wo noch immer Todesurteile ausgesprochen und vollstreckt werden. Scharfrichter und Verurteilte werden einander gegenübergestellt, Grafiken und Statistiken zugeordnet, die Einzelschicksale erzählt, live vorgetragene Songs aus dem Fundus der Musikgeschichte kommentieren, Valkeapää twistet wild zu Elvis Costellos „Let him dangle“. Der Übergang von beunruhigendem Innehalten ob der Abgründe, die sich aneinanderreihen, zu kurioser Verwunderung ob des Panoptikums an Absurditäten ist fließend. Ebenso verwischen langsam die Grenzen zwischen Tätern und Opfern, der Performer gibt sämtliche Rollen: die des Verurteilten auf dem elektrischen Stuhl, die des Köpfe abschlagenden Carnifex, die des Beobachters – und er zwingt auch sein Publikum, all diese Perspektiven einzunehmen, immer wieder sucht er Helfer. Gehilfen, Mithelfer, Mitschuldige: Je nach Abstraktionslevel der szenischen Einschübe wird da gejohlt und bereitwillig mitgemetzelt, aber auch verhalten geschwiegen und weggeschaut, wenn es darum geht, mitzumachen. Ab welchem Zeitpunkt

macht man sich als vermeintlich Außenstehender Mitschuldig? Diese Frage muss sich jeder Einzelne im Publikum stellen.
Valkeapää wertet niemals. Dass er die Todesstrafe verurteilt, steht außer Frage. Doch bietet er Perspektiven an, die jenseits moralischer Dichotomien das Selbstverständnis der jeweiligen Kulturen über die Jahrhunderte hinweg aufzeigen.

 

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