SPIELART 2015

Liebe und Tod in Aleppo: Wenn Gräber sprechen

Tania El Khourys Sound-Installation führt auf einen syrischen Friedhof, der ein Gartenbeet ist und in ein Gartenbeet, das zum Friedhof wurde. Mit dem Ohr am Erdreich lauschen wir den Stimmen der Toten. Eine intime Begegnung aus dem Jenseits, ein Memento Mori und ein Erschrecken über die Banalität des Alltags.

Mein Märtyrer heißt Mustafa Kermani, Shahid Mustafa Kermani. Zum Märtyrer wurde er auf einer Demonstration im syrischen Aleppo am 16. November 2013. Jetzt habe ich zufällig die Karte mit seinem Namen gezogen und werde mich um seine Grabstelle im Untergeschoss des Einstein-Kulturzentrums kümmern.

Zehn namentlich gekennzeichnete Grabsteine sind auf dem Programm-Flyer zu „Gardens Speak“ abgebildet, letzte Erinnerung an acht Männer und zwei Frauen, die im syrischen Bürgerkrieg umgekommen sind. Acht Umrandungen auf dem Flyer sind leer. Leergeblieben, um an die unzähligen namenlosen Toten zu erinnern, an die Verschwundenen, deren letzte Spur sich in einem syrischen Foltergefängnis verliert oder die auf der Flucht vor dem Krieg ihr Leben verloren haben. Leer, weil der Krieg weiter tobt, weil er tagtäglich unzählige neue Opfer fordert. Zuletzt ist die Zahl getöteter Zivilisten nochmals angestiegen, seitdem die russische Luftwaffe Bomben wirft.

Der Flyer dient als kurze Einführung und Vorbereitung auf den Besuch der interaktiven Klang-Installation. Er beschreibt, wie es nicht länger möglich ist, in Syrien toten Familienangehörigen ein letztes Geleit, eine letzte Ruhestätte zu geben. Wie das Assad-Regime Körper verschwinden lässt, die lebendigen wie die toten. Wie die Geschichte von den Machthabern (um-)geschrieben wird, (um-)gedeutet wird. Um die Totenruhe der Angehörigen zu schützen, sind viele Familien dazu übergegangen, die Toten im Garten bei ihrem Haus zu begraben. Die Lebendigen schützen die Toten. Doch weil viele Syrer und Syrerinnen auch deshalb verfolgt werden, weil Angehörige gegen das Regime kämpfen oder auch nur, weil sie nicht für das Regime sterben wollten, schützen in diesem Fall auch die Toten die Lebenden, da sie nicht so eindeutig als Familienangehörige von Oppositionellen sichtbar werden.

Die Performance beginnt in einem spärlich beleuchteten, stillen Vorraum, der sofort eine feierliche, andächtige Stimmung verbreitet. Zwei lange Sitzbänke, zehn Wannen mit Wasser, eine Garderobe mit langen, weißen Schutzmänteln, irgendwas zwischen Regenmantel und Laborkittel. Die Besucher werden gebeten Schuhe und Strümpfe auszuziehen und sich einen der Mäntel überzustreifen und auch die Kapuze über den Kopf zu ziehen. Dann zieht jeder Besucher eine Karte. Neben dem Namen des Verstorbenen finden sich auf der Karte auch Hinweise über den Ablauf der Performance und Anweisungen, was zu tun ist.

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Die erste Herausforderung besteht dahin, das zugeteilte Grab zu identifizieren. Dann beginnt die Arbeit. Mit bloßen Händen muss die Erde weggeschafft werden, um an eine vergrabene Botschaft zu gelangen. Allmählich ertasten meine Hände einen Stoff im Erdreich, ein schwarzes Kissen, auf dem in weißer Schrift die wichtigsten Daten zu Mustafe Kerman stehen: Mustafa kam bei einer Demonstration in Aleppo ums Leben, als er von Soldaten des Assad-Regimes beschossen wurde. Er wurde gemeinsam mit zehn anderen Todesopfern desselben Angriffs bestattet.

Ich befreie das Kissen komplett von seiner Erdschicht und lege mich auf das Grab, mein rechtes Ohr ans Kissen gepresst. Aus dem Grab tönt eine männliche Stimme, die mir in der ersten Person seine Geschichte erzählt.

Mostafa war ein Computerfreak und Internet-Nerd. In einem Chat lernte er Maha kennen. Sie trafen sich, er verliebte sich in sie und sie wurden ein Paar. Als im Januar 2011 zuerst Ben Ali in Tunesien stürzt und kurz darauf Mubarak in Ägypten zurücktreten muss, schwappt das Feuer der revolutionären Begeisterung auch auf Syrien und auf Mostafa über. „Freedom is contagious“, „Freiheit ist ansteckend“ sagt mir die Stimme ins Ohr. Gemeinsam mit Maha geht er nun regelmäßig auf Demonstationen, oft Hand in Hand. Doch in Syrien verläuft der „Arabische Frühling“ anders. Die Demonstranten werden von den Soldaten der Regierung scharf beschossen. Menschen verschwinden. Mostafa dokumentiert den Aufstand im Internet.

Ein Wendepunkt wird der 25. Mai 2011, als die verstümmelte und geschundene Leiche des dreizehnjährigen Hamza al-Chatib wieder auftaucht. Der Junge war während einer Demonstration in Dara’a im April verschwunden. Nun heißt es, der Junge hätte versucht, die Frauen von Polizisten zu vergewaltigen. Die Situation eskaliert zum Bürgerkrieg. Mostafa bleibt seiner Haltung des gewaltfreien Widerstands treu, doch er entwickelt Verständnis für diejenigen, die zur Waffe greifen. Er zeigt Respekt für die Free Syrian Army, beschreibt ihr Wirken in einzelnen Stadtteilen Aleppos, wo sie für Sicherheit und Ordnung sorgen und findet ihre Haltung integer.

Angesichts der sich zuspitzenden Situation will er seine Freundin Maha heiraten. Die Eltern haben nichts dagegen, obwohl Mustafa Schiit ist. Doch kann die Hochzeit nicht gefeiert werden, weil das Viertel mal wieder unter scharfem Beschuss liegt. Auf einem Gedenkmarsch für Opfer des Regimes, bei dem Frauen und Männer im Trauermarsch getrennt gehen, erfolgt wieder ein Angriff. Die Stimme beschreibt, wie Maha plötzlich aufschreit, wie sie weint, Blut fließt, Geschosse zerfetzen Menschen. Erst allmählich begreife ich, dass die Stimme des Ich-Erzählers mir ihren eigenen Tod beschreibt. Wegen des anhaltenden Beschusses wird er zusammen mit neun anderen Opfern sofort begraben. Zärtlich flüstert mir die Stimme ihre letzten liebenden Gedanken an Maha ins Ohr. Dann erklingt ein arabisches Trauerlied. Das Lied schallt als Echo auch aus den anderen Gräbern zu mir herüber.

Mit Verklingen der Stimme aus dem Grab, so lautet die Anweisung, soll ich mich auf meinen Rücken drehen und auf dem Grab liegen bleiben. Von oben erklingt ein weiteres Lied. Die Theaterbetreuerin geht mit langsamen Schritten bedächtig um das Gräberfeld herum und wirft kleine Blümchen auf die Gräber. Während ich mich auf der Graberde noch zurechtruckel und mein weißes Plastikcape ordne, verwandelt sich der Schutzmantel in meiner Vorstellung auf einmal in ein weißes Totentuch, wie es bei Beerdigungen in der arabischen Welt üblich ist. Ich liege auf der weichen Erde, mein Kopf stößt ein wenig an den Grabstein, ein Klagelied, gedämpftes Licht. Nie hat mich ein Theaterabend so unvermittelt und konkret mit meiner eigenen Sterblichkeit konfrontiert. Eben war da noch der intime Moment mit dem unbekannten Toten. Jetzt wechseln die Rollen und ich liege Probe auf einem Grab. Wie wird mein Ende sein? Ich spüre eine innere Unruhe. Ich flüchte mich in Überlegungen zum Schicksal der syrischen Flüchtlinge, der syrischen Gefangenen und der syrischen Zivilbevölkerung, deren Leben von den Schergen Assads, von Terroristen und den Bomben der verschiedensten Alliierten bedroht ist. Mit Verklingen des Trauerlieds rappel ich mich auf.

Die Begegnung mit dem Toten und die Konfrontation mit dem eigene Tod waren äußerst wirkungsvoll. Das andächtige Blümchenwerfen wirkte bereits etwas deplatziert. Jetzt liegen auf den Sitzbänken vor den Grabsteinen Schreibblöcke. Wir erhalten den Auftrag einen Brief an unseren Toten zu schreiben und zu vergraben. Letztlich werde diese Nachricht an die Angehörigen der Toten weitergegeben werden. Sicher, die Inszenierung verlangt nach einer Phase des Zurückgleitens in den Alltag und das Leben. Dennoch wirkt diese Schreibübung merkwürdig didaktisch.

Die Stimmung im Theaterraum wirkt inzwischen wie in einer Aussegnungshalle. Manche verweilen noch am Grab und hinterlassen lange Nachrichten. Andere verlassen den Raum durch einen schweren, schwarzen Vorhang, zurück zur Garderobe und zu den Wasserwannen, die bereitstehen, um Füße und Hände von Resten der Graberde zu reinigen. Alle sind andächtig und berührt, keiner spricht. Einzig mit der Theaterbetreuerin wird im Flüsterton gesprochen und sich für die bereitgehaltenen Handtücher bedankt.

„Gardens Speak“ entfaltet eine intensive Wirkung, vor allem dadurch, dass dem Besucher Einzelschicksale nahe gebracht und Personen posthum erneut lebendig werden. Die fremde Stimme dringt übers Ohr direkt in den eigenen Körper ein. Die sinnliche Erfahrung wirkt durch das Schaufeln in der Erde mit bloßen Händen und dann durch den intensiven Geruch derselben. Durch die liegende Haltung, durch das konzentrierte Hören ins Kissen hinein, verändert sich die Rezeption, wird tranceähnlich, im Übergang von Wachen und Dösen. Trotz der räumlichen Nähe werden die anderen Besucher fast vollständig ausgeblendet. Nur vereinzelt wird das Echo der Stimmen oder der fast synchrone Bewegungsablauf bemerkbar.

Am Abend zu Hause goggle ich den Namen meines Toten: Mustafa Kerman. Ich finde zahlreiche Stellen, da Mustafa als Blogger und sogenannter „Citizen Journalist“ u.a. auf den Websiten von Reporter ohne Grenzen gelistet wird. Der englische Guardian meldete am 26.11.2012: „Mustafa Kerman was fatally injured during shelling of the Aleppo district of Al-Bustan Al-Qassir on 16 November.“ Die anonymen Opferzahlen der Nachrichten bekommen eine Stimme, eine Biographie. Tania El Khoury bringt die unbekannten syrischen Gärten auf gleichermaßen unheimliche wie anrührende Weise zum Blühen. Und ich höre, wie auch das Mittelmeer spricht.

 

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